Erinnerung an den Gebirgskrieg: Weil Frieden in Europa niemals selbstverständlich ist

Manuel Pestalozzi
26. Januar 2022
Überall von der Schweizer Grenze bis zur Adria sind die Überreste des Ersten Weltkriegs noch heute sichtbar – wie hier zu sehen am Spitz Vezzena im Valsugana. Doch wie können die einstigen Schlachtfelder mit architektonischen Mitteln zugängliche gemacht werden? (Foto: Elias Baumgarten)

Architekturstudierende der TU Graz haben sich mit der Geschichte des Pasubio-Massivs auseinandergesetzt. Wie kann, fragten sie sich, das Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs zum Erinnerungsort werden?

 

1915 kam der Erste Weltkrieg in die Berge: Bis November 1918 tobte zwischen italienischen Soldaten und Truppen aus Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich der erste Gebirgskrieg der Geschichte. Die Front verlief von der Schweizer Grenze bis zur Adria. Über 180000 Menschen starben, viele davon fielen den Naturgewalten zum Opfer. Ein besonders heftig umkämpfter Frontabschnitt war das Pasubio-Massiv in den Vizentiner Alpen. Noch heute zeugen Stollen, Kavernen und Kriegssteige von den grausamen Ereignissen. Die Kriegsparteien bekämpften sich von zwei Plateaus aus. Sie versuchten jeweils, die gegnerischen Stellungen zu unterminieren und in die Luft zu sprengen. 1918 zündeten österreichische Truppen eine gewaltige Ladung unter den italienischen Linien, doch vertreiben konnten sie den Gegner trotzdem nicht. Überhaupt konnte bis Kriegsende keine Partei einen entscheidenden Durchbruch erzielen – trotz skrupelloser Kriegsführung und brutalsten Mitteln.

 

Das Pasubio-Massiv war Schauplatz einer der grausamsten Schlachten des Ersten Weltkriegs. Tausende Soldaten starben, doch keine Kriegspartei konnte einen entscheidenden Erfolg erzielen. (Illustration © TU Graz)


Nun haben sich Studierende des Instituts für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften der TU Graz eingehend mit dem Bergmassiv beschäftigt. Sie fragten sich, ob dem einstigen Schlachtfeld eine architektonische Intervention als »Friedensschauplatz« entgegengestellt werden könnte. Ihr Fokus lag darauf, Architektur einzusetzen, um den Kriegsschauplatz als Gedenkort zugänglich zu machen. Damit möchten sie auf eine Lücke in der Aufarbeitung des Ersten Weltkriegs aufmerksam machen und die Erinnerung an die grausamen Ereignisse wachhalten. Dies soll zur Versöhnung beitragen und helfen, den Frieden in Mitteleuropa zu bewahren. Denn dieser ist keineswegs selbstverständlich – auch heute nicht.

Die Ergebnisse der Arbeit sind noch bis zum 31. März 2022 in einer Ausstellung im Grazer Schlossbergstollen zu sehen, die von Daniel Gethmann und Waltraud P. Indrist gemeinsam mit den beteiligten Architekturstudierenden konzipiert wurde. Gezeigt werden unter anderem Modelle von Gebäuden, die die Nachwuchsarchitekt*innen im Rahmen ihrer Auseinandersetzung mit dem Pasubio entworfen haben. Zusätzlich zur Ausstellung wurde das Projekt in Buchform aufgearbeitet und präsentiert.

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