Von wegen Schrott: Holcim Award in Gold für eine Aufstockung aus gebrauchten Bauteilen

Elias Baumgarten
2. décembre 2021
Foto © Holcim Foundation

Fenster, Bleche, Stahlträger oder Treppen müssen nicht auf dem Müll landen – das Team von baubüro in situ zeigt, wie man sie wiederverwenden kann. Für ihre Haltung wurden die Schweizer mit dem Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet.

Winterthur ist historisch betrachtet eine der wichtigsten Schweizer Industriestädte. Dies ist bis heute spür- und sichtbar, denn viele Bauten aus jener Zeit sind erhalten. In den riesigen Fabriken rollten einst Lokomotiven vom Band, und sogar mächtige Schiffsmotoren wurden an der Töss gebaut. 1988 entschied die Firma Sulzer, ihren enormen Produktionsstandort mitten in der Stadt aufzugeben, denn er schien nicht mehr zeitgemäß. Dieses Ende war zugleich ein Neubeginn und der Startschuss für ein Pionierprojekt: Als eines der ersten Schweizer Industriegebiete überhaupt wurde das 220000 Quadratmeter große Gelände transformiert. Heute ist das Sulzer-Areal ein durchmischtes Stadtquartier mit Wohnungen, Restaurants, Geschäften, Bildungseinrichtungen, Verwaltungsbauten und Büros – und ein Ort der Kunst und Kultur. 

Auf einem der alten Industriebauten, er steht am Lagerplatz, befindet sich eine ganz besondere Aufstockung. Ihre Fassade besteht aus alten Blechen, die vormals zu Gebäuden in Winterthur und Zürich gehörten. Jedes ihrer Aluminium-Isolierfenster sieht anders aus, denn alle waren bereits in anderen Häusern verbaut. Konstruiert wurde der Aufbau aus Stahlträgern, die einst zur Coop-Verteilzentrale auf dem Lysbüchelareal in Basel gehörten. Außen führt eine Treppe empor, die früher am Zürcher Bürogebäude Orion verbaut war. Neben wiederverwendeten Bauteilen wurden auch natürliche Materialien wie Lehm, Holz und Stroh eingesetzt. Entworfen hat den K.118 genannten Bau der Stiftung Abendrot das Team von baubüro in situ, das nun für das Projekt und seine Haltung ausgezeichnet wurde. Das Team macht sich seit vielen Jahren Gedanken über die Wiederverwertung gebrauchter Bauteile. Die internationale Auszeichnung ist hochverdient.

Foto © Holcim Foundation
»Wir freuen uns, dass die internationale Jury diese ungewöhnliche Arbeit als wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Bauweise mit dem Hauptpreis ausgezeichnet hat. Unser radikaler Ansatz stellt den Entwurfsprozess auf den Kopf und das Selbstverständnis des Architekturschaffens infrage. Wir arbeiten weiterhin mit voller Kraft daran, ein sozialverträgliches Bauwesen zu entwickeln, das die planetaren Grenzen respektiert.«

baubüro in situ

Der Aufbau ist so wichtig, weil er zeigt, wie Baumaterialien einer neuen Verwendung zugeführt werden können. Es wäre schon heute vermeidbar, dass die Bauwirtschaft derart viel Abfall produziert, würden die Ansätze der Schweizer vermehrt aufgegriffen und weiterentwickelt. Das Projekt bietet interessante Antworten auf die Frage, wie wir besser und intelligenter mit knappen Ressourcen umgehen können. Dieser Meinung war auch die Jury der Holcim Awards: Sie lobte das Projekt als nahezu perfekte Anwendung von Zirkularität im Bauen und ehrte es folgerichtig mit dem Nachhaltigkeitspreis in Gold. 

4742 Arbeiten aus 134 Ländern waren insgesamt für den renommierten Preis eingereicht worden. Die Auszeichnung in Silber ging an Edgar Mazo und Sebastian Mejía, die für ein Landschaftsprojekt in Bogotá geehrt wurden. Bronze vergab die Jury an Aziza Chaouni für ein Kulturzentrum in Marokko. Außerdem ausgezeichnet wurde ein Aufforstungsprojekt von ODDO Architects in Vietnam.

Die Jury der Holcim Awards 2021:

Hashim Sarkis (Vorsitzender), Marilyne Andersen, Maria Atkinson, Meisa Batayneh Maani, Angelo Bucci, Bruce Gibbons, Anne Lacaton, Brinda Somaya und Mun Summ Wong

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