Zelluläre Architektur

Susanna Koeberle
11. mei 2023
Peter Zumthor erklärt seine Modelle. (Foto: © Dominic Kummer)

Menschen halten sich heutzutage viel in Räumen auf. Längst vorbei sind die Zeiten des Sammelns und Jagens im Freien, und nur wenige von uns arbeiten noch draußen. Und auch in diesem Fall brauchen wir einen schützenden Ort, ein Dach über dem Kopf. Die Kategorien Raum und Körper sind eng miteinander verflochten, man könnte sogar so weit gehen, das Haus als Metapher für den menschlichen Körper zu lesen. Kaum erstaunlich spielen Räume auch in unseren Träumen immer wieder eine wichtige Rolle. Räume sind stets auch erinnerte Räume, und Erinnerung ist an Erfahrungen geknüpft. 

Eine frühe Raumerfahrung sei für ihn diejenige von Kirchen gewesen, sagt Peter Zumthor, während er durch den großen Raum des Werkraums Bregenzerwald führt, in dem zurzeit rund 40 Modelle aus seinem Atelier ausgestellt sind. Diese Aussage kann den Blick auf das Werk des Pritzerpreisträgers begleiten, allerdings nicht als absoluter Leseschlüssel. Für eine vereinfachende Lektüre sind Zumthors Bauten nämlich zu divers. Vielmehr legt dieser Satz eine Spur, die das bereits erwähnte Phänomen der Raumerfahrung verdeutlicht. 

Auch der Titel der Schau »Architekturmodelle aus dem Atelier Peter Zumthor. Eine Ausstellung über handwerklich gedachte Räume« vermittelt eine Ahnung davon, was Besucher*innen an diesem Ort über Zumthors Wirken lernen können. Es soll dort um Räume gehen, die »handwerklich gedacht« sind. Dass der Ausstellungsraum von Peter Zumthor selbst entworfen wurde, ist dabei von Gewicht. Denn dadurch wird der Dialog zwischen der materiellen Präsenz der Exponate und derjenigen des Raums an sich physisch spürbar. 

Blick in die Schau »Architekturmodelle aus dem Atelier Peter Zumthor. Eine Ausstellung über handwerklich gedachte Räume« (Foto: © Dominic Kummer)

Die Ausstellung wird zum 10-jährigen Bestehen des Werkraums ausgerichtet und von einem Rahmenprogramm begleitet. Anlässlich einer Führung und einer anschließenden Gesprächsrunde konnten wir ein paar Worte mit dem Meister persönlich austauschen. Das Zwiegespräch zwischen Modellen und Raum erfuhr dadurch eine Erweiterung, die das Bild der Arbeit des Architekten aus Haldenstein zusätzlich schärft. Wobei man dazu sagen muss, dass dabei die Erinnerung an die Besuche seiner Bauten stark mitspielte. Kaum stand ich vor einem Modell, stellten sich ganz konkrete erinnerte Raumerfahrungen ein: Das Ticken der Uhr verstummt einen Moment lang. Ich denke etwa an das staunende Schauen und Fühlen – weil es nämlich in Zumthors Architektur immer um mehr als um optische Eindrücke geht – beim Betreten der filigranen Bauten des Zinkminenmuseum Allmannajuvet in Norwegen. Wie ich dort auf einem von ihm gestalteten Stuhl Suppe essend in die verregnete Landschaft schaute. Wie ich auf dem Weg zu den stillgelegten Zinkminen eine Vielzahl von wunderschönen Flechten und Moosen fotografierte und einen merkwürdig geformten Stein auflas. Oder an meinen ersten Besuch im Kolumba Museum in Köln auf der Flucht vor der Möbelmesse. Wie selbstverständlich die sakrale Atmosphäre, die ohne religiöses Brimborium auskommt, auf mich wirkte. Wie langsam mein Atem wurde und wie schnell das Gewusel von Menschen und Designobjekten vergessen war. Und wie sogar meine Tochter bei einem späteren Besuch länger im Museum bleiben wollte, weil sie im Leseraum auf einem – ebenfalls von Zumthor entworfenen – Stuhl in Ruhe etwas dösen konnte. 

Oder es tauchen Bilder der raumfüllenden Installationen von Otobong Nkanga im Kunsthaus Bregenz auf, die das Museum zu einer Erde im Kleinformat werden ließen; und sogar der Geruch von Lehm im obersten Geschoss und das milchige Licht der Räume verdichten sich zu einem präsentischen Jetzt. Viele andere Zumthor-Momente gelangen aus irgendeiner Ecke meines Gehirns zu mir – oder vielleicht handelt es sich eher um eine Form von zellulärer Erinnerung. Die Zelle: Sie ist die kleinste körperliche und räumliche Einheit. Körper und Raum sind auch sprachlich miteinander verbunden. Doch wie kann das alles beim bloßen Anblick von Modellen geschehen? 

Modellstudie für das Zinkmuseum Allmannajuvet, Sauda, Norwegen (Foto: © Atelier Peter Zumthor)

Die Bedeutung von Architekturmodellen für Peter Zumthors Arbeit ist groß, sie hängt stark mit der Materialität und physischen Ausdehnung dieser materiellen Gefüge zusammen. Was gefügt ist, bedarf eines Machens, und das handwerkliche Herstellen von Dingen spielt schon biografisch eine wichtige Rolle im Werdegang des Architekten, der als Sohn eines Schreiners zunächst ebenfalls eine Schreinerlehre machte. Diese Tatsache ist mehr als eine Anekdote aus dem Leben eines bekannten Architekten, sie beinhaltet die Essenz von Zumthors Entwurfshaltung, die dem Respekt für Materie und ihre Verarbeitung entspringt. Es erstaunt daher nicht, dass er vor über zehn Jahren als international tätiger Architekt den eher kleinen Auftrag für den Bau des Werkraums Bregenzerwald, eines Treffpunkts für Handwerker*innen aus der Gegend, annahm. 

Die Handwerkskultur Vorarlbergs lernte er Jahre zuvor beim Bau des Bregenzer Kunsthauses kennen und schätzen. Die unerwartete Form seines Entwurfs habe zwar die Auftraggeber zuerst schockiert, erfahren wir beim Gespräch zwischen Zumthor, Handwerkern und einer ehemaligen Geschäftsführerin des Hauses, doch im Dialog habe man zu einer Lösung gefunden, die alle zufriedenstellte. Architektur entsteht nicht (nur) aus dem Gestaltungswillen eines Geistes, sondern auch aus einem Prozess. Dass dieser Zeit (und Geld) braucht, dafür sind viele Bauprojekte nicht mehr gerüstet – aus den unterschiedlichsten Gründen, aber häufig spielt dabei die Rentabilität keine unwesentliche Rolle. Doch das ist ein anderes Thema. 

Dass die Modelle eigene Werke sind, wird in der Ausstellung deutlich. (Foto: © Dominic Kummer)

Zeit ist ein kostbares Gut: Diesbezüglich lässt sich vielleicht eine Parallele zwischen Zumthors Architektur und der besonderen Sorgfalt herstellen, mit der er das Thema Materialität behandelt. Materie fällt nicht vom Himmel, sie entsteht in jahrhunderte- (bei Holz) oder gar jahrtausendelangen (bei Gesteinen) Prozessen von Verdichtung und Verfestigung. So gesehen ist ihr Verbautwerden nur ein weiterer Schritt in ihrer Transformation. Die Wirkmächtigkeit von Materie basiert auf ihrer zeitlichen Dimension. Sie hat einen eigenen Ausdruck, der sich in Form von Architektur neu manifestieren kann. Etwa, indem sie in einer überraschenden Verbindung verborgene Aspekte ihrer Schönheit offenbart. Das Gleichgewicht zwischen detaillierter materieller Sorgfalt und der Selbstverständlichkeit ihres Ausdrucks im Ganzen ist ein wichtiges Merkmal von Zumthors Schaffen. 

Diese besondere Form von Harmonie erklingt (auch Klang ist für Zumthor wichtig!) auch bei den aufwendig gestalteten Modellen, die genau genommen eigene Werke darstellen. Trotzdem sind sie eher Arbeitswerkzeuge, Mittler auf dem Weg zur Realität. Anhand der Modelle analysieren Zumthor und sein Team etwa den Einfall von Tageslicht. Dem Licht kommt in Zumthors Architektur eine quasi materielle Eigenschaft zu, es besitzt eine eigene Sprache. Licht ist das Verb, während die Wände die Nomen sind – Subjekte, aber eben auch Objekte. Materie ist dynamisch gefügt und nicht statisch tot. Das mag etwas abstrakt klingen, aber dieses Phänomen lässt sich gerade an den Modellen gut ablesen: das handwerklich Gemachte, die Präzision und Sorgfalt, aber auch das poetische und nonchalante Nebeneinander von Materialien, die zugleich Statthalter und eigenständige Objekte sind.

Anhand der Modelle analysieren Peter Zumthor und sein Team etwa den Einfall von Tageslicht. (Foto: © Dominic Kummer)

Die Modelle haben eine weitere Funktion, sie sind auch Kommunikationsinstrumente, wenn es darum geht, Bauherren von einem Vorhaben zu überzeugen. Das funktioniert nicht immer oder scheitert an verschiedenen Unwegsamkeiten. Auch davon berichtet der Architekt beim Rundgang durch die Ausstellung. Etwa von einem Hotelprojekt in Chile, dessen Kreisform einen mittleren Gemeinschaftsraum im Freien erlaubt hätte. Der Bauherr selbst sei mutig gewesen, doch rein ökonomisch denkende Leute hätten ihm vom Projekt abgeraten, und so sei es eben gestorben. Das sagt Zumthor ohne Bitterkeit, aber mit einem liebevollen Blick auf das Modell, das jetzt immerhin als Spur zurückbleibt. 

Beim späteren Gespräch antwortet er auf die Frage aus dem Publikum nach einem Wunschprojekt, er würde gerne ein Hotel in den Bergen bauen. Die zentrale Rolle von Landschaft in seinen Projekten ist offenkundig – auch bei seinen städtischen Bauten. Stets geht es um ein Einbetten in bestehende Texturen, um das Schaffen eines lebendigen Gefüges. Der Besuch und das genaue Studieren eines Ortes seien dabei die Voraussetzung für den Entwurf. Alle Aspekte seien dabei wichtig, sagt Zumthor später: die Geschichte und die Atmosphäre eines Territoriums. Ausgerüstet mit diesen Informationen reagiert er auf das konkrete Milieu. Dass es ihm leicht fällt, eine Antwort zu finden, sei für ihn ein Geschenk. Eine besondere Aussage für einen Architekten, die eine weitere Schicht zum Bild hinzufügt, von dem zuvor die Rede war. Paradoxerweise scheint es die Geste des Zulassens zu sein, welche Zumthors Grundhaltung zum Entwerfen ausmacht. Atmosphäre kann vielleicht dann entstehen – auch davon ist viel die Rede, wenn über seine Architektur geschrieben wird –, wenn das Gebaute eben auch die Vitalität und Fragilität von Materie zum Ausdruck kommen lässt. Das kann vielleicht einer, der mit Gelassenheit ans Werk geht, einfacher als sonst jemand. Gelassen schaut der Architekt, der vor Kurzem seinen 80. Geburtstag feierte, auch in die Zukunft. Ab jetzt möchte er nur noch machen, was ihm guttut, sagt er und lacht dabei. 

Die Ausstellung im Werkraum Bregenzerwald (Hof 800, 6866 Andelsbuch) läuft noch bis zum 16. September dieses Jahres.

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