Eine Schule für eine lebenswerte Zukunft

30. September 2022
Foto: Philipp Obkircher
Herr Professor Egger, wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Schonnebeck ist ein ehemaliger Bergbaustadtteil im Norden von Essen. Das Quartier ist geprägt von großflächiger Wohnbebauung und dazwischen noch immer aufragenden Fördertürmen, die den Betrachter nicht vergessen lassen, dass unter dem gesamten Stadtteil ein großes Netz aus Schächten und Gruben verborgen ist. Wie gelingt dem Bezirk der Wandel von der einstigen Arbeitersiedlung zu einem modernen Quartier? Die bekannte Zeche Zollverein in Sichtweite gibt eine Antwort. Das Ruhr Museum zieht jährlich – in nicht pandemischen Zeiten zumindest – fast eine halbe Million Besucher an und steht als Wahrzeichen für den Strukturwandel in der Region. Unsere Gustav-Heinemann-Gesamtschule soll eine weitere Antwort sein. Es handelt sich um Essens bedeutendstes Schulbauprojekt. Die Anlage ist als attraktiver Aufenthaltsort für Lernende und Lehrende, aber auch für die Bewohner des ganzen Stadtteils Schonnebeck gedacht. 

Unser Gebäude mit seinen weitläufigen Außenanlagen soll nicht nur für die Nutzer der Schule, also 110 Beschäftigte und 1300 Schüler und Schülerinnen, sondern eben auch für die Bewohner des Stadtteils einen Mehrwert generieren. Die integrierte Stadtteilbibliothek, das Forum, die Mensa und die Aula sowie einzelne Fachräume stehen auch ihnen zur Verfügung. Diese Räume sind vielfältig nutzbar und bieten hinreichende Möglichkeiten zur Begegnung, Kommunikation oder themenbezogenen Arbeit im Stadtteil. Sie sind gut zu erreichen und leicht zu erkennen. Der attraktive Vorplatz beim Haupteingang bildet den Auftakt des Gebäudes und verleiht dem Schulneubau einen offenen Charakter. Das Gebäude heißt alle willkommen. Das neugestaltete Außengelände ist ein Treffpunkt und lädt zum Skaten, Biken oder Fußballspielen ein. Die charakteristische Hornbrille von Gustav Heinemann haben wir mit einem Augenzwinkern als Betonskulptur zum Bestandteil der Platzgestaltung gemacht.

Foto: Helin Bereket
Foto: Helin Bereket
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Informelle Lernbereiche, das Gebäude als dritter Pädagoge, Außenraumbezüge und Interaktion mit der Stadt – das sind in Kürze die Anforderungen der modernen Pädagogik, denen wir uns bei der Planung von Bildungseinrichtungen verpflichtet fühlen. Neben den bereits erwähnten Stadtteilbezügen und informellen Lernbereichen spielen bei der Gustav-Heinemann-Gesamtschule die Cluster eine zentrale Rolle in der Umsetzung der pädagogischen Anforderungen in Architektur. Sie sind die organisatorisch und pädagogisch bestimmende Raumgruppe und die baulich dominierenden Volumen. Die Cluster reihen sich als ablesbare »Jahrgangs- oder Lernhäuser« entlang des »Schulboulevards«. Sie bilden eigenständige Raumfamilien. Sie sind die Heimatbereiche für die verschiedenen Altersgruppen. Die Klassen und informellen Lernbereiche eines Clusters gruppieren sich jeweils um einen Hof, was eine gute Orientierung und Belichtung der Flurbereiche garantiert. Im Zentrum eines jeden Clusters befinden sich die Gruppenräume, die bei Bedarf zum Flur erweitert werden können. In diesem Bereich entstehen differenzierte Raumzusammenhänge für individuelle Lernformen und großzügige Aufenthaltsbereiche.

Foto: Philipp Obkircher
Foto: Philipp Obkircher

Der Bibliothek kommt als öffentlich genutzter Bereich der Schule eine besondere Bedeutung zu. Gut auffindbar ist sie dem Stadtteil zugewandt im südlichen Teil des Schulneubaus untergebracht. Sie stellt das Verbindungsglied zwischen Stadt und Schule dar und hat sowohl durch ihre Anordnung als herausgestellter Baukörper als auch in ihrer Materialität eine besondere Ausformulierung erhalten. Die Terrassierung im Außenraum wird innenräumlich aufgenommen und sorgt für eine besondere Raumatmosphäre.

Die Aula wurde abgesenkt, um mehr Raumhöhe zu erzielen. Das zweigeschossige Forum ist das Herz der Schule und bietet Raum für Veranstaltungen verschiedenster Art. Das leichte Gefälle in diesem Bereich sorgt für einen spannungsvollen Übergang in den direkt angebundenen Mehrzweckraum, der dadurch gleichzeitig eine angemessene Raumhöhe erhält. Jener ist unterteilbar und kann zusätzlich mit dem Forum zusammengeschaltet werden. Die Mensa befindet sich ebenfalls in unmittelbarer Nachbarschaft zu den anderen gemeinschaftlichen Nutzungen und hat im Süden eine direkt zugeordnete Terrasse erhalten.

Foto: Philipp Obkircher
Foto: Philipp Obkircher
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Uns ist nachhaltiges Bauen sehr wichtig. Das Gebäude wurde in Anlehnung an die Passivhausbauweise geplant und realisiert, wodurch die EnEV 2016 um 20 Prozent unterschritten wurde. Im Anschluss an die kürzlich erfolgte Fertigstellung wurde der Zertifizierungsprozess nach BNB in Angriff genommen, der auch während der Planung schon eine große Rolle spielte. Ziel ist die Zertifizierung »BNB Silber«. Neben der Energieeffizienz finden hier auch weitere Themen wie Ökologie, Wirtschaftlichkeit, soziokultureller Mehrwert, Architekturqualität und Prozessqualität Beachtung, die Kriterien unseres sehw-Nachhaltigkeitskompasses sind. Das Ergebnis ist ein energieeffizientes, nachhaltiges Gebäude, bei dem alle Phasen von der Planung über die Errichtung und den Betrieb bis hin zum Rückbau optimal konzipiert wurden.

Aufgrund der Massivbauweise und der hybriden Lüftung konnte auf aufwendige Technologien verzichtet werden. Im Rahmen unseres Lowtech-Konzepts haben wir nur die notwendigen Anlagen eingebaut, die zur Einhaltung der CO2-Performance erforderlich sind. Ein hoher konvektiver Luftaustausch (Stoßlüftung) erfordert eine entsprechende Heizungsanlage, deren Heizwärme durch Erdgas-Brennwertthermen erzeugt wird. Das Gebäude wird passiv gekühlt. Außerdem kommt ein individuell steuerbarer außenliegender Sonnenschutz zum Einsatz. Zur Hitzeabfuhr im Sommer erfolgt eine Nachtauskühlung über die raumlufttechnische Anlage. Durch das Energiekonzept übertrifft die Reduktion der CO2-Emissionen die gesetzlichen Vorgaben um rund 35 Prozent.

Foto: Philipp Obkircher
Foto: Philipp Obkircher

Der Schulneubau wurde als Mischkonstruktion mit Mauerwerk und Elementen aus Stahlbeton geplant. Durch die Cluster-Struktur der Klassenzimmer und Büroeinheiten konnte mit Ausführung einer tragenden Flurwand eine wirtschaftliche Bauweise mit Halbfertigteilen für die Deckenkonstruktion ermöglicht werden. Die Trennwände zwischen den einzelnen Klassenräumen wurden nichttragend geplant. Dadurch bleibt die Möglichkeit bestehen, jene auch während der Nutzungsdauer flexibel zu positionieren und die Räume alternativ aufzuteilen.

Gründächer mit extensiver Begrünung sorgen für einen optimalen Hitzeschutz im Sommer und eine zusätzliche Wärmedämmung im Winter. Auch auf diese Weise wird ein Beitrag zur Energieeinsparung geleistet. Diese Begrünung ist mit geringem Aufwand herzustellen und muss nicht zusätzlich bewässert werden. Ihr Aufbau schützt die Dachabdichtung, wodurch die Instandhaltungs- und Betriebskosten gesenkt werden. Zudem speichert sie überschüssiges Wasser und gibt dieses allmählich durch Verdunstung wieder an die Umgebungsluft ab. Hierdurch entsteht ein Abkühlungs- und Befeuchtungseffekt, von dem auch die unterhalb des begrünten Daches liegenden Räume profitieren.

Foto: Helin Bereket
Foto: Philipp Obkircher
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Beton und Ziegel, Licht, Holz und Farbe! Unser Neubau hat eine robuste Mauerwerksfassade aus hellem, geschlämmtem Klinker erhalten, der als einheitliches Kleid die Baumassen beruhigend zusammenfasst. Eine strenge Ordnung großer Fensterelemente als Holz-Aluminium-Konstruktionen gliedert die obergeschossigen Klassen- und Fachraumfassaden. Auch der Innenbereich wird durch die gezielte Verwendung von Holzwerkstoffen atmosphärisch aufgewertet. So haben einige Räume neben einem widerstandsfähigen Industrieparkett Holz-Glas-Elemente als Türen sowie Einbaumöbel aus Birkensperrholz und eine Decke aus Holzlamellen für eine bessere Raumakustik erhalten.

Neben den schon genannten Materialien sorgt der gezielte Einsatz von Tageslicht und Farbe für eine angenehme Atmosphäre und eine gute Orientierung. Die großen Fensteröffnungen, die Innenhöfe und die großzügig verglasten Eingangsbereiche stellen einen tiefen Tageslichteinfall sicher und garantieren eine optimale natürliche Belichtung. Die Farbigkeit wurde als integraler Bestandteil geplant. Dazu bedienten wir uns der Farbkollektion Le Corbusiers aus dem Jahr 1959. Auf der Grundlage seiner »Polychromie Architecturale« wählten wir fünf harmonierende Farben aus. Jede wurde einem Cluster zugewiesen und für große Piktogramme sowie farblich akzentuierte Eingänge und Treppenaufgängen genutzt. Dadurch ist nicht nur eine freundliche Stimmung entstanden, vielmehr wird auch die Orientierung im Gebäude wesentlich erleichtert.

Foto: Helin Bereket 
Lageplan
Grundriss Erdgeschoss
Schnitt
Bauwerk
Gustav-Heinemann-Gesamtschule
 
Standort
Schonnebeckhöfe 64, 45309 Essen, Deutschland
 
Nutzung
Gesamtschule
 
Auftragsart
Realisierungswettbewerb, 1. Preis
 
Bauherrschaft
Stadt Essen Immobilienwirtschaft
 
Architektur
Generalplanung Objektplanung Gebäude: sehw architektur, Berlin, Stuttgart, München, Duisburg und Wien
Mitarbeiter*innen: Matthias Gall, Maija Gavare, Karoline Hietzschold, Martin Krüger-Holdack, Víctor Maquílon Yelo, Eva Poggenklaß und Birgit Winkelmann
 
Fachplaner
Statik: Wetzel & von Seht Ingenieurbüro für Bauwesen und Beratende Ingenieure VBI, Berlin
Landschaftsarchitektur: Strauma Landschaftsarchitektur, Berlin
Brandschutz: hhp Berlin Ingenieure für Brandschutz, Berlin
TGA-Planung: BLS Energieplan GmbH, Berlin
 
Bauleitung
LeitWerk Rhein Ruhr GmbH, Essen
 
Jahr der Fertigstellung
2021
 
Gesamtkosten 
EUR 56,8 Mio.
 
Gebäudevolumen 
73'004 m3 (BRI)
 
Energiestandard
Das Gebäude wird in Anlehnung an die Passivhausbauweise errichtet, wodurch die EnEV 2016 um 20 Prozent unterschritten wird. Die »Silber«-Zertifizierung der BNB wird angestrebt, doch der Zertifizierungsprozess läuft noch.
 
Auszeichnung
Energieeffizientes Nichtwohngebäude in NRW
Build Award Best Educational Facility Design – Germany
 
Fotos
Philipp Obkircher und Helin Bereket

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