Missing Link – die Strategien der Avantgardisten der 70er

Manuel Pestalozzi
19. Mai 2022
Missing Link, »Gehsteigordner«, 1973 (© MAK – Museum für angewandte Kunst)

 

Der Begriff Avantgarde ist momentan nicht besonders im Schwange – die dafür notwendige Energie fehlt wohl vielen gerade. Der entsetzliche Krieg in Europa, die Pandemie und die Klimakrise lähmen sie. Doch gerade in Krisenzeiten braucht es richtungsweisende Kunst, Kultur – und Architektur. Vielleicht wirkt die Ausstellung »Missing Link. Strategien einer Architekt*innengruppe aus Wien (1970–1980)« im Wiener MAK (Museum für angewandte Kunst) inspirierend. Sie ist der 1970 von Angela Hareiter, Otto Kapfinger und Adolf Krischanitz gegründeten Gruppe gewidmet, die als eine der wichtigsten Erscheinungen der avantgardistischen Kunst- und Architekturszene Österreichs in den 1970er-Jahren gilt. 2014 konnte das MAK den Vorlass der Gruppe ankaufen und diesen in den folgenden Jahren durch weitere Beschaffungen und Schenkungen ausbauen. Die Ausstellung soll als erste vollständige Aufarbeitung der Aktivitäten der Gruppe verstanden werden.

 

Diverse Designobjekte ergänzen die Pläne, Texte und Bilder in der Schau. (Foto © Stefan Lux, MAK – Museum für angewandte Kunst)

Hareiter, Kapfinger und Krischanitz lernten einander an der Technischen Hochschule Wien (heute Technische Universität) kennen und formierten sich zu Missing Link. Gemeinsam dachten sie Architektur und Design neu, losgelöst von konkreten Aufträgen und akademischen Dogmen. Während des zehnjährigen Bestehens der Gruppe äußerte sich das in einem vielschichtigen Werk, das die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erregte. Es umfasst neben künstlerischen Installationen, Objekten, Malereien, Zeichnungen und Plakaten auch stadtsoziologische Studien, Aktionen und experimentelle Fernsehfilme. Für die MAK-Ausstellung wurde das gesamte Œuvre von Missing Link gegliedert. Den Auftakt macht das noch zu Studienzeiten entstandene Frühwerk mit utopischen Projekten wie Angela Hareiters zeittypischen Wohnmodulen für flexibles und partizipatives Wohnen in der Zukunft.

Große Aufmerksamkeit wird auch der allgemeinen kulturellen Einbettung der Gruppe geschenkt. Das verdient ein Lob, weil es hilft, deren Arbeiten besser zu verstehen. So nutzten die Mitglieder von Missing Link alle ihnen zur Verfügung stehenden Medien. Die Arbeiten hatten oft auch Bezüge zur Populärkultur. Die Ausstellung legt sie mit zusätzlichem Material aus der Schaffenszeit offen. Die Gruppe reagierte auf äußere Einflüsse und beeinflusste ihrerseits das Schaffen anderer. Diese kulturellen Verbindungen zeigt die Ausstellung ebenfalls auf, insbesondere jene zu anderen Protagonist*innen der österreichischen Architektur-Avantgarde. Folgerichtig stellt das Spätwerk der Gruppe, darunter die Schau »Austrian New Wave« (Institute for Architecture and Urban Studies, New York, 1980), den Abschluss der Ausstellung dar.

Man fragt sich: Hätten sich die Gruppenmitglieder damals wohl je vorstellen können, dass ihr Schaffen eines Tages im Museum landet? Und wie hätten sie darüber gedacht? Die sehenswerte Ausstellung im MAK dauert noch bis zum 2. Oktober 2022.

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