Zwischen verheißungsvollen Bildern und harter Realität – kritische Ausstellung im Grazer Haus der Architektur

Manuel Pestalozzi
29. September 2022
Der Architekturfotograf Hans Georg Esch hat weltweit verhüllte Bauten und Visualisierungen im öffentlichen Raum dokumentiert. Seine Bilder wie dieses aus Milano stehen im Zentrum der Ausstellung in Graz. (Foto © HG Esch)

Die Schau »Verhüllung und Verheißung« ist Teil des Projekts »Kunst der Verführung«, zu dem insgesamt sechs Ausstellungen rund um das Thema Grafikdesign gehören. Involviert sind dabei neben dem Haus der Architektur (HDA) auch das Kunsthaus Graz, das Graz Museum, das Kulturzentrum bei den Minoriten, das Institut für Design und Kommunikation der FH Joanneum, die Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation der WKO Steiermark und die WK Steiermark. 

Im HDA (Mariahilferstraße 2, 8020 Graz) wird die bildliche Darstellung von Bauten und städtischen Räumen thematisiert. Visualisierungen sind heute bekanntlich ein sehr wichtiges Kommunikationsmittel in der Architektur. Sie vermitteln eine Vorstellung von künftigen Bauten und Stadträumen und sind auch für Laien verständlich. Oft werden sie von der Immobilienbranche zu Werbezwecken verwendet – gerne auch direkt am Ort des Geschehens, an geplanten oder bereits in der Umsetzung begriffenen Gebäuden. Sie zieren leere Grundstücke, Bauzäune und Rohbauten. Mitunter schüren Visualisierungen aber leider auch falsche Erwartungen und verklären Projekte: Sie zeigen glückliche Menschen, viel Grün, plätschernde Brunnen, fröhlich spielende Kinder und zufriedene Senioren; selbst Glasfassaden sind auch im hellsten Sonnenlicht in aller Regel völlig transparent.

Wunderbare Zukunft? Diese Aufnahme zeigt eine Baustelle in Tokio. (Foto © HG Esch)

Mit »Verhüllung und Verheißung« soll dies kritisch beleuchtet werden. Denn nur allzu oft stehen die blumigen Versprechungen im krassen Gegensatz zur harten Realität, die von knappem Wohnraum, für viele nicht mehr leistbaren Mieten und hohen Immobilienpreisen geprägt ist. Und auch architektonische Schwächen werden mitunter bewusst kaschiert. Die Ausstellungsmacher erkennen in Visualisierungen einen Beitrag zur weltweiten Entstehung von fragwürdigen Neubauprojekten, die vom Wunsch nach maximaler Rendite getrieben sind und zu einer »Unwirtlichkeit der Städte« führen, die Alexander Mitscherlich bereits 1965 in seinem gleichnamigen Buch beschrieben hat. 

Die Installation im HDA zeigt Aufnahmen des Architekturfotografen Hans Georg Esch, der auf seinen Reisen die Werbebilder der Immobilienbranche dokumentiert hat. Gegenübergestellt werden seine Aufnahmen Textpassagen aus dem 2015 erschienenen Artikel »Architecture is now a tool of capital, complicit in a purpose antithetical to its social mission«, den Reinier de Graaf für Architectural Review verfasst hat. Die Grafikdesignerin Rosa Nussbaum hat dazu die Gestaltung der Plakate untersucht. Sie erklärt im Rahmen der Schau die visuellen Stilmittel der Immobilienbranche.

In einer Performance zur Eröffnung der Schau am 21. September dieses Jahres hat der in Wien lebende Künstler Sven Borger die »Immobilienblase«, also sein Ausstellungsobjekt »NEOLOGISM UnUpsub*Arc«, zu voller Größe aufgepumpt. Das raumgreifende Objekt bildet das Zentrum der Schau. Ergänzend zur Ausstellung wird Sven Borger auch eine künstlerische Intervention an einer bestehenden Baustelle in Graz realisieren. Die Arbeit soll über die Laufzeit der Ausstellung im HDA hinaus, also auch nach dem 30. Oktober 2022, für die Dauer der Baustelleneinrichtung im Stadtraum sichtbar bleiben. 

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